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Klangrede  –  Prosodie

Gedanken zur Figuren- und Affektenlehre des Barock

Plädoyer für einen differenzierten Musikvortrag

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Wenig im alltäglichen Bewusstsein ist uns die Tatsache, dass ein gesprochener Text nicht nur Sachinhalte mitteilt. Er ist vor allem auch Medium zum Transport vielfacher Nebeninformationen.

Auf Metaebenen werden weitere Umstände übermittelt oder zumindest suggeriert. Beschrieben ist das in der Prosodie. Prosodie beschreibt das Zusammenwirken aller Merkmale des Sprechens. Das betrifft im Wesentlichen folgende Komponenten:

 

Die Emphase: also die Akzente und Schwerpunkte in Wort und im Satz.

Die Intonation, Tongebung: die Sprechmelodie, die Höhe des Sprechens, dadurch der Ausdruck, inklusive der Satzzeichen, die Emphase, die Dehnung, Akzentuierung, Lautstärke einzelner Elemente, Buchstaben, Silben, Worte, Satzteile.

Die Quantität: das meint die Anzahl benutzter Worte, Formulierungen. Es betrifft genauso den Text selbst: Wortwahl, Füllwörter, Wiederholungen, Verstärkungen, Satzbau, Syntax.

Das Tempo: es umfasst die Sprechgeschwindigkeit, Duktus, Tempoänderungen innerhalb eines Wortes oder Satzes, also auch Rhythmus der einzelnen Elemente, ebenso die Pausen.

All dies hat Einfluss auf die Mitteilungen auf Metaebenen. Es verbindet so die sachliche Aussage mit Gefühlsebenen. Das ist also die Gesamtheit einer Aussage oder Mitteilung. Auch zur Herkunft des Sprechers (Mundart, Dialekt) gibt es Hinweise. Solch Hinweise gibt es gleich doppelt: einmal beim Sprechenden, dann aber auch beim Hörenden.

 

Hier wird es spannend, denn ein Unterschied zum musikalischen Vortrag ist nicht gegeben. So kommen wir nahtlos zur Figuren- und Affektenlehre: Figuren sind Worte oder Silben, der Affekt zielt wesentlich auf die angesprochenen Metaebenen.

Beim Sprechen wollen wir nicht leiern sondern Inhalte mit Ausdruck vortragen. Lese ich ein Märchen einem Kind vor (zur Unterhaltung, zum Einschlafen), oder in einer Lesung zur Diskussion. Oder bin ich Nachrichtensprecher und muss mich bemühen, Gefühle für mich zu behalten; das bedeutet klar, ich darf nicht interpretieren.

Mit dem Spielen von Musik wollen wir aber Gefühle erzeugen, nicht nur schöne Töne mitteilen.

Hier folgen ein paar allgemein bekannte, entsprechend sinnvolle Textbeispiele:

(Schiller,Goethe, Goethe, Schiller)

 

«Wer wagt es, Rittersmann oder Knapp, zu tauchen in diesen Schlund…»

 

«Über allen Gipfeln ist Ruh, in allen Wipfeln spürest du kaum einen Hauch…»

 

«Da steh ich nun, ich armer Thor, und bin so klug als wie zuvor…»

 

«Fest gemauert in der Erden steht die Form, aus Ton gebrannt…»

 

Wie unendlich viele Möglichkeiten mag es denn geben, diese Texte vorzutragen. Je nach der Persönlichkeit des Sprechers, des Anlasses, des Adressaten (Kind, Senior, Publikum, Schule), der Akustik der Räumlichkeit (Theater, grosser Saal, kleine Kammer, zuhause in der Stube, im Freien).

Das alles ist sehr logisch. Nicht ganz so präsent ist es uns oftmals, dass dasselbe einszueins für den musikalischen Notentext gilt. Wenn ich einen Sprachtext vortragen will, sollte ich all die aufgezählten Elemente der Prosodie beachten, angefangen mit der Kenntnis des Inhaltes und der Überlegung, was will ich damit sagen, wie will ich es sagen, warum will ich es sagen, was will ich mit der Mitteilung erreichen.

Als Musiker muss ich mit dem Notentext ebenso verfahren: den Text verstehen, seine Einzelteile verstehen um «interpretieren» zu können. Das heisst, den Noten Bedeutung zu geben. So, wie ich beim Sprechen nicht leiern will, will ich beim Vortrag nicht metronomisch «Etüden» spielen. Ich muss all die Umstände der Prosodie beachten. So wird mein Spiel lebendig, individuell, mitteilsam und interessant.

Um das zu erreichen, ist es nötig, die einzelnen musikalischen Elemente, also die musikalischen Vokabeln zu kennen. Wenn ich eine Fremdsprache lernen will, muss ich neben Grammatik und Vokabeln auch die Aussprache lernen. Auch Musik ist eine «Fremdsprache», kaum eine Muttersprache. Also müssen wir sie lernen, Kenntnis erlangen über die oben genannten Elemente.

Wir müssen lernen, den Notentext zu verstehen. Welche Töne bilden eine Figur, die dann im Kontext Silben, Worte, Satzteile oder den ganzen Satz bilden. Das ist das musikalische Vokabularium. Welche komponierten Figuren stellen Satzzeichen* dar, fordern sie gewissermassen heraus und müssen entsprechend ausgeführt werden.     Das kann sein: ein Trugschluss, eine Rückung, eine spezielle Figur, Pause, Augmentation, eine Fermate. Das kann sein: ein Komma, ein Punkt, ein ganzer Absatz, ein Fragezeichen, ein Ausrufezeichen, ein Gedankenstrich, eine Betonung, eine Zäsur. Wir müssen lernen, das zu entdecken und entsprechend der Prosodie vorzutragen. Das ermöglicht dann, den Notentext adäquat darzustellen. Genau dafür benötigen wir die Kenntnis der Prosodie in der Musik. Wichtig zu wissen ist, Musik ist nicht statisch. Stereotypisches ist normalerweise nicht sinnvoll. Die Figuren haben immer ein Ziel. Immer kommen sie woher und gehen wohin. Ständig muss ich entscheiden, spiele ich auftaktig oder abtaktig. Das steht nicht in den Noten. Das steht im Notentext.

Was wir als «zwischen den Zeilen lesen» kennen, kann man bei Noten als «hinter dem Notentext lesen» bezeichnen.

Zur besonderen Eleganz des Vortrags müssen wir auch Kenntnis haben über Verzierungen, als da sind: Vorhalt, Pincè, Praller, Triller, Tierce coulèe, Tirata und andere. Das muss im Vortrag Berücksichtigung finden. Wir müssen sehen, welche sind bereits komponiert, welche muss man, welche kann man selber ergänzen. Dafür ist natürlich Stilkenntnis und guter Geschmack nötig.

Für einen Erfolg im Kino ist nicht allein das Drehbuch zuständig sondern das Können und alle Finessen des Regisseurs und des Schauspielers, inklusive der Mimik und Körpersprache.

Eine sehr schöne Übung dazu ist es immer, einen guten Witz gut zu erzählen. Das bedeutet Spannungsaufbau, Irreführung und die Pointe setzen.

 

Die hier aufgezeigten Bezüge zur Musik schöpfen zwar wesentlich aus dem 18. Jahrhundert enden aber nicht mit der Klassik, nicht mit der Romantik und auch später nicht. Für Musik gelten sie ja schon per Definitionem. Nur, je nach Stil ändert sich wohl die Gewichtung.

«Was Sprache nicht kann, kann Musik.»

 

* Auf das Problem der Interpunktion in der Musik verweist schon Daniel Gottlob Türk 1789 in seiner Klavierschule. Zur Wichtigkeit in der Musik gibt er ein Textbeispiel.

«Von der musikalischen Interpunktion:

«Er verlor sein Leben nicht nur sein Vermögen.»

Die Stellung des Kommas ergibt einen vollkommen anderen Sinn, ebenso sei es in der Musik.

Metaebenen

Was die Prosodie offenlegen kann

 

Betrachten wir den untenstehenden Beispielsatz unter verschiedenen Aspekten, dann ergeben sich gute Einblicke in das Thema. Je nachdem welchem Wort im Satz der Sprecher seine Emphase gibt (fett), kann man die verschiedensten Hintergründe heraushören, eben die Aussage über die Metaebenen.

Als Beispielsatz nutzen wir den Folgenden: „Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber“.

Ohne Betonung gibt er scheinbar nur einen Inhalt wieder. Außer vielleicht, es spricht einen gewissen Bereich beim Hörer an; das wäre dann allerdings sein persönlicher Hintergrund.

Mit Betonung kann ich in der Metaebene zum Beispiel Folgendes zum Inhalt ergänzen; zumindest suggerieren. Es folgen hier willkürliche Beispiele.

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Den Kaffee selbst zu kochen, habe ich schon gestern oder früher, oder öfter, oder immer probiert oder beabsichtigt, allerdings nicht geschafft; oder aber auch mich umentschieden. Nun soll es aber heute wirklich stattfinden. Ich könnte raushören, dass ich vielleicht öfters einen nicht so starken Willen habe? Dass geschieht eventuell, weil heute ein besonderer Tag ist?

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Das kann bedeuten, dass ich früher meinen Kaffee nur lauwarm gemacht oder am Vortag kalt aufgesetzt habe oder bisher immer einen Espresso durchgelassen habe. Man könnte dabei Rückschlüsse über mein Küchenequipment ziehen oder insgesamt alles Mögliche zu meinen Lebensgewohnheiten denken.

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Das könnte heißen, ich musste bisher ertragen, (schlechten?) Fremdkaffee zu trinken,dass ich nun einen besseren trinken möchte. Auch, dass ich kein Vertrauen zu anderen Kaffeekochern habe. Vielleicht zu schwach, zu stark, gar Giftbeimischungen?

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

In diesem Fall bin ich nicht mehr bereit die anderen mitzuversorgen oder vielleicht schmeckt mir der Kaffee der anderen nicht gut genug.

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Hier könnte es sich so zutragen, dass ich, wie immer bisher, für alle den Kaffee koche, meinen eigenen allerdings anders machen will. Ich koche gerne für alle, nur den Kaffee, den ich dann trinke, soll richtig gut auf mich abgestimmt sein.

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Den Gemeinschaftstee, oder -Kakao trinke ich gerne von und mit den anderen. Allerdings, wenn ich Kaffee trinken möchte, kümmere ich mich darum lieber selbst. (s.o.)

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Bis heute habe ich geschummelt. ich ging bisher ins Bistrot, ich habe meine Nachbarin gebeten, mir Kaffee zu kochen. Ich habe also bisher nur so getan, als ob, ich war aber nicht zufrieden und werde das Kaffeekochen nun tatsächlich selbst übernehmen.

Heute koche ich mir meinen Kaffee wirklich selber.

Bis heute habe ich das immer zusammen mit meinen Kollegen erledigt, heute übernehme ich diese Aufgabe vollkommen alleine. Vielleicht möchte ich hinterher Lob erfahren? Vielleicht ist mir der Kollege, der sich da immer einmischt, gar nicht so sympathisch. Oder aber ich möchte ihm nicht andauernd dankbar sein müssen.

(Anmerkung: Die Autokorrektur möchte, dass ich oben schreibe: „vollkommen allein“ statt „vollkommen alleine“. Das korrigiere ich nicht, denn „korrigiert“ würde das bedeuten, dass ich beim Kochen alleine bin. Das will ich aber nicht sagen. Ich will nur sagen, dass ich den Kaffee selber herstelle. Da können schon auch andere dabei sein).

 

Metaebenen können also auf verschiedenste Weise weitere Informationen offenlegen. Auch eine Aussage, nonverbal zwischen den Zeilen, über Vergangenes kann möglich sein. Ebenso kann der Hörer selbst entscheidend sein. Abhängig von seiner Erlebniswelt, seinen Assoziationen und seiner Tagesform gibt er Gehörtem eine eigene Wertung.

Eine Betonung kann auf verschiedene Art entstehen. Durch Lautstärke, gelegentlich auch durch besonders leises Sprechen, oder einfach durch die Dehnung eines Wortes, durch langsameres Sprechen auch nur durch Stimmhebung. Ebenso kann eine Emphase durch entsprechende Gestaltung drumherum entstehen. So ist es möglich, dem Gesagten eine bestimmte eigene Bedeutung zu geben.

Wir sollten aber auch Prosodie und Metaebenen im geschriebenen Text betrachten. In diesem Sinne beachten wir an einem Beispiel Wortwahl und Syntax. Das meint, wie wir gemeinhin sagen, „zwischen den Zeilen lesen“.

Bei der Wortwahl kann entscheidend sein, wie viele und welche Zusatzworte, auch Füllwörter genannt, gewählt werden. Diese können gewisse Emotionen anregen, den Textinhalt einer bestimmten Gefühlswelt zuweisen. Das ist bereits in den obigen Erklärungsversuchen zu ersehen. Dieser Text versucht ja, mögliche Gefühle auf Metaebene zu beschreiben. Wenn Gefühle im Spiel sind, geschieht es natürlich sehr leicht, dass Füllwörter beschreibend beteiligt sind und diese eine Metaebene bedienen, die weit über sachlichen Inhaltsbeschrieb hinausgehen.

Bei der Syntax, der Stellung im Satz, ist es ähnlich. Sie kann bei einem bestimmten Wort die Betonung suggerieren und damit ein Gefühl ansprechen.

Ein kleines Beispiel zur Stellung im Satz:

„Gleich habe ich eine Verabredung.“   „Ich habe gleich eine Verabredung.“

Im ersten Fall kann ich den Eindruck haben, dass der Sprecher unter Spannung oder Vorfreude sich mit jemandem trifft und dieses für ihn recht wichtig sein könnte. Im zweiten Fall scheint der Betroffene ein wenig unter Zeitdruck zu stehen und er darum aktuell etwas beenden will, weil er pünktlich sein möchte.

Ein Beispiel zur Wortwahl, also zur Formulierung. Wenn die Zeitung schreibt: “In der gestrigen Sitzung hat die Regierungskoalition zwei Stunden um eine Lösung gestritten.“ Oder: „Gestern hat die Sitzung der Koalition zwei Stunden gedauert und die Zeit für eine demokratische Debatte genutzt, um zu einer guten Lösung zu finden.“ Es wird über die gleiche Sache berichtet, der Effekt ist aber vollkommen gegensätzlich.

 

Des Weiteren gibt es zum Beispiel auch optische Täuschungen. Viele kennen wahrscheinlich Bilder, die man sowohl positiv wie auch negativ sehen kann. Dabei sind die Bilder selbst immer gleich. Da ist beispielsweise der Würfel, von dem dreidimensional nur die Kanten gezeichnet sind. Wenn man lange genug draufschaut, stellt man fest, man kann den Kubus von außen sehen oder aber auch in den Hohlkörper hineinschauen.

Den gleichen Effekt kann es geben, wenn wir eine Pyramide genau von oben sehen. Schauen wir lange genug hin, kann es sein, dass wir nicht mehr entscheiden können, ob wir nicht doch in einen Krater schauen.

 

Um bei diesem Problem zu einer Entscheidung zu kommen, benötigen wir einen Bezugspunkt.

 

Ein Hinweis kann sein: Licht und Schatten oder ein bekannter Gegenstand in der Umgebung.

 

Gleiches Problem stellt sich, sehen wir einen Gegenstand auf dem Meer, am Himmel oder in der flachen Wüste. Ohne einen Bezugspunkt können wir die Größe oder die Entfernung eines

Objektes nur schätzen und uns dabei sehr irren.

 

Mit diesen Gedanken wenden wir uns wieder der Prosodie zu. Gleiches kann nämlich entstehen, wenn wir mit einer Aussage konfrontiert sind. Wie bereits dargestellt, wird bei einer gesprochenen Aussage Mehreres mitgeteilt:

 

Erstens der Inhalt durch das Wort. Das sollte eindeutig sein.

 

Zweitens auf Meta-Ebenen weitere Umstände zu dem Gesagten, als da sind: die eigenen

Gefühle zu der Sache, die sich speisen aus der persönlichen Vita, dem Umfeld des Rezipienten.

 

Der vermutete Umstand, warum etwas so gesagt wird. Der Kontext ist also wesentlich

massgeblich.

 

Man hört, was man hören will. Je nach der Situation. Als Beispiel nehme ich mal die Aussage:

 

„Zum Glück fehlt mir die Frau an meiner Seite.“

 

Die Aussage kann sein: „Ich bin froh, dass ich mein Leben nicht teilen muss, nicht auf jemanden

ausrichten muss.“ Oder aber: „Ich bin traurig, dass da niemand ist, mit dem ich teilen kann.“

Um auf den Begriff Bezugspunkt zurückzukommen, könnte man der Zweideutigkeit

entgegenwirken durch kleine Zusätze. „…zu meinem Glück...“ oder „…meine Frau…“ würde die

Aussage klarer in eine Richtung lenken.

 

Vergleichbar zur optischen Täuschung, braucht es hier einen weiteren Bezugspunkt:

das vorhandene Thema drumherum, eine zusätzliche Aussage, ein bestimmter Tonfall.

Ein Gesichtsausdruck, der Stimmklang, vielleicht eine Art hörbare Traurigkeit,

der Zusammenhalt gewisser Wörter, die Platzierung der Emphase.

Wie oben bereits angesprochen, das gute Erzählen eines Witzes erfordert: gut platzierte

Betonungen, Dehnungen, Beschleunigungen, Pausen, Stimmhebungen und was da alles

möglich und nötig ist.

Zurück zur Musik. Schauen wir ein Zitat von C. Ph. E. Bach:

„ Worinn aber besteht der gute Vortrag? In nichts anderem als…....

Die Gegenstände des Vortrags sind die Stärcke und Schwäche der Töne, ihr Druck, Schnellen,

Ziehen, Stossen, Beben, Brechen, Halten, Schleppen und Fortgehen. Wer diese Dinge entweder gar nicht oder zur unrechten Zeit gebrauchet, der hat einen schlechten Vortrag.“

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